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  • Breit aufgestellt und zuversichtlich in die Zukunft

    Die EU-weite Industrieemissionsrichtlinie, die Anfang 2016 in Kraft trat, bedeutete für die Energiebranche in Großbritannien eine Zäsur – und damit auch für Power Minerals Ltd. Denn die strengeren Grenzwerte konnten nicht alle Kohlekraftwerke erfüllen. Sie wurden abgeschaltet oder zu Biomasse-Kraftwerken umfunktioniert, denn letztere werden seit etwa 2010 staatlich gefördert, um den Energiewandel im Königreich zu beschleunigen. Frühzeitig hat sich die britische Tochter von STEAG Power Minerals neu ausgerichtet und will zukünftig Düngemittel aus Biomasse-Flugasche herstellen. Wie weit sind die Pläne bis heute fortgeschritten? Und welches weitere Standbein will Power Minerals Ltd. etablieren, um für die Zukunft gut aufgestellt zu sein? Zeit für einen umfassenden Blick über den Ärmelkanal.

    Teesside im Nordosten Englands. Seit Februar 2017 entstehen hier in der neuen Testanlage von Biolite Technologies die ersten Chargen des neuen Düngemittels aus Biomasse-Flugasche. Dieser neu geschaffene Geschäftsbereich von Power Minerals Limited ist mit der Entwicklung und Vermarktung der Düngemittel betraut. Das Kraftwerksnebenprodukt Biomasse-Flugasche, das in Großbritannien in wachsenden Mengen anfällt, müsste von den Betreibern unter hohen Kosten entsorgt werden. „Wir lösen dieses Problem, indem wir den Kraftwerksbetreibern die Flugasche abnehmen und weiterverwerten. So, wie wir es bislang auch schon mit der Steinkohle-Flugasche handhaben“, so Peter Brennan, früherer Geschäftsführer von Power Minerals Ltd. und Leiter des Geschäftsbereichs Biolite Technologies. Der einzige und große Unterschied: Die Abnehmer stammen nicht aus der Baubranche, sondern aus der Landwirtschaft und dem Gartenbau. Wie SEGMENT in einer der vorangegangenen Ausgaben berichtete, sicherte sich Power Minerals Ltd. bereits im Jahr 2015 die Patente und Lizenzen für das sogenannte „Global Enrichment“-Verfahren, mit dem Biomasse-Flugasche zu Düngemittel verwertet werden kann.

    2019 sollen bereits 90.000 Tonnen Düngemittel pro Jahr produziert werden
    Noch läuft die Produktion in kleinen Mengen, die zunächst vor allem für Testwecke genutzt werden. „Bis Oktober werden wir die Wirkung unseres Düngers in Feldversuchen intensiv prüfen“, so Brennan. Rund 5.000 Tonnen Düngemittel werden in diesem Jahr vor allem für diesen Zweck produziert, erläutert Brennan. 2018 soll dann die Herstellung für den Markt beginnen – dann selbstverständlich in größeren Mengen. „Bis Ende 2018 wollen wir unter den neuen Marken ‚Vitality+‘ und ‚Maxolite‘ bis zu 50.000 Tonnen Dünger produzieren, 2019 rechnen wir mit einem Jahresvolumen von 90.000 Tonnen.“ Auf dem bisherigen Weg zur Marktreife sind bereits einige Hürden überwunden worden: Die Erlaubnis zur Verwertung von Reststoffen aus Biomasse-Kraftwerken liegt bereits vor, die Registrierung der Produkte gemäß der EU-Chemikalienverordnung REACH wird bis Juni 2017 abgeschlossen sein. Ende des Jahres werden dann auch die letzten Produktvarianten den „End of Waste“-Status erlangt haben. Auf Grundlage der neuen EU-Richtlinien für Düngemittel, die voraussichtlich zum 1. Januar 2018 in Kraft treten, kann Power Minerals Ltd. seine Dünger dann mit einer Leistungserklärung und einer entsprechenden CE-Kennzeichnung vermarkten. „Langfristig wollen wir dann die Produktionskapazitäten weiter ausbauen und unseren Dünger in Europa und weltweit vermarkten“, so Peter Brennan. Brennan, der intensiv dafür gearbeitet hat, das Biolite-Projekt bis zum heutigen Stand der Entwicklung zu führen, zieht sich nun aus der ersten Reihe zurück und übergibt an Ian Fox als neuen Geschäftsleiter von Biolite Technologies, der das Projekt nun bis zur Markteinführung weiter vorantreiben wird. Ivan Skidmore übernimmt von Brennan die Funktion des Geschäftsführers von Power Minerals Ltd.

    Orbolite: Cenosphären für den Leichtbau
    Doch das Düngemittel soll nicht das einzige neue Standbein von Power Minerals Ltd. bleiben. Unter der Marke Orbolite® will sich Power Minerals auch als Vermarkter von Cenosphären als mineralischer Füllstoff etablieren. Cenosphären sind sehr leichte, mikroskopisch kleine Hohlkugeln, die meist aus Siliciumdioxid und Aluminiumoxid bestehen und mit Luft gefüllt sind. „Diese Hohlkugeln machen etwa ein bis drei Prozent der Steinkohle-Flugaschepartikel aus“, erklärt Business Manager Paula Kelly, die den Vertrieb der Cenosphären verantwortet. „Sie sind äußerst robust, inert, extrem hitzebeständig, wasserfest und wirken zudem isolierend. Aus diesem Grund werden Cenosphären häufig bei der Herstellung von Flugzeugen, Autos und Booten, aber auch in der Produktion von PVC-Böden oder Schuhsohlen eingesetzt.“

    Um die Cenosphären aus der Flugasche herauszufiltern, muss man die Flugasche in Wasser lagern. Die leichten Cenosphären steigen an die Oberfläche und können dort abgeschöpft werden. Da sich die Körnungsgrößen der Orbolite-Produkte jedoch in Bereichen von 106 bis 500 µ bewegen, ist das Filtrationsverfahren entsprechend aufwändig. „Bis 2010 wurden Cenosphären in Großbritannien produziert, um den Bedarf von insgesamt etwa 20.000 Tonnen pro Jahr zu bedienen“, so Kelly. „Heute wird das Produkt vor allem aus China und Russland importiert, die Nachfrage ist auf etwa 10.000 Tonnen jährlich gesunken. Wir glauben, dass das Marktpotenzial für Großbritannien und Europa rund 20.000 Tonnen im Jahr beträgt.“

    Die ersten wichtigen Schritte in den britischen Markt hat Orbolite mit der Akquise zuverlässiger Quellen in Russland und China sowie mit der erfolgten REACH-Registrierung bereits getan. Paula Kelly ist überzeugt, dass Orbolite nun den Weg erfolgreich weitergehen und sich zu einem führenden Anbieter von Cenosphären in Großbritannien und Europa entwickeln wird.

    Bis zu 120.000 Tonnen Flugasche werden zukünftig importiert
    Doch wie steht es um die Zukunft von Power Minerals Ltd. als Partner in der Verwertung von Nebenprodukten aus Steinkohlekraftwerken? Auch hier richtet sich das Unternehmen neu aus, und setzt zukünftig auf verschiedene Maßnahmen, wie z.B. auf die Aufbereitung deponierter Flugasche und die Veredelung von Flugasche sowie auf den stärkeren Import vom europäischen Festland. „In den vergangenen Jahren sind Steinkohlekraftwerke mit einer Leistung von mehr als 8.000 Megawatt vom Netz gegangen“, erklärt Nigel Waldron, Geschäftsführer bei Power Minerals Ltd. Aus diesem Grund ist Power Minerals Ltd. eine Kooperation mit dem Betreiber eines neu entwickelten Importterminals im Hafen von Immingham eingegangen. Das Terminal verfügt über zwei Flachlager mit einer Kapazität von je 8.000 Tonnen, der Tiefgang des Hafens lässt eine Entladung von Schiffen mit pneumatischer Entladevorrichtung mit einem Ladevolumen von bis zu 10.000 Tonnen zu. Bei Bedarf steht zur Entladung konventioneller Schiffe auch eine mobile Kovaco-Pumpe zur Verfügung. Bis zu 120.000 Tonnen Flugasche pro Jahr sollen zukünftig über dieses Terminal importiert werden. „Mit einer kombinierten Belieferung aus Deutschland, Benelux sowie auch aus dem weiter entfernten europäischen Ausland werden wir auch zukünftig eine langfristige Liefersicherheit für den englischen Markt garantieren können“, so Waldron.

    1. Emad Al-Darwish (Hawar Group, 2. von links) und Andreas Hugot (STEAG Power Minerals, 4. von links) bei einem Besuch der Test- und Produktionsanlagen von Biolite Technologies
    3. Orbolite®-Cenosphären sind besonders leicht, stabil, hitzebeständig und wirken zudem isolierend – deshalb kommen sie in einer Vielzahl von industriellen Anwendungen zum Einsatz, z.B. im Automobilbau